Glas und FensterTopthema

Die Geschichte der Stadt bewahren

Wie lässt sich die Geschichte eines Ortes bewahren und gleichzeitig neuen Lebensraum schaffen? Im 11. Arrondissement von Paris liefert Atelier Téqui Architectes eine bemerkenswerte Antwort. Aus einem ehemaligen Peugeot-Parkhaus der 1950er-Jahre entstand durch einen sensiblen Umbau ein modernes Wohngebäude – ressourcenschonend, identitätsstiftend und zukunftsweisend.

Die Entscheidung zwischen Abriss und Erhalt stand am Anfang eines Architekturwettbewerbs im Jahr 2018. Das Gebäude an der Avenue Parmentier 58–60 – ursprünglich 1957 von Claude Béraud erbaut und später auf fünf Etagen erweitert – war typisch für seine Zeit: robuste Betonstützen, schlanke Decken und halboffene Rampensysteme. Statt alles neu zu machen, setzte sich Atelier Téqui mit einem Plan durch, der auf Bestandserhalt, Weiterentwicklung und Holzbau setzte.

Die Bausubstanz blieb weitestgehend erhalten. Durch gezielte Rückbauten wurde sie jedoch so geöffnet, dass helle, durchlässige Wohnräume entstanden. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes
Die Bausubstanz blieb weitestgehend erhalten. Durch gezielte Rückbauten wurde sie jedoch so geöffnet, dass helle, durchlässige Wohnräume entstanden. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Umbau mit Respekt und Strukturverständnis

Das Architekturbüro entschied sich für eine Sanierung mit Weitblick: Das bestehende Tragwerk blieb weitgehend erhalten, ergänzt durch eine dreigeschossige Aufstockung in Holzbauweise. Damit die neuen Lasten nicht das alte Betonraster überfordern, wurden Mikropfähle und zusätzliche Stützen eingebracht, um die Kräfte direkt in den Boden abzuleiten. Der konstruktive Eingriff blieb so minimal wie möglich.

Ein wesentliches Ziel war es, den hermetisch wirkenden Altbau zu öffnen und Licht, Luft sowie neue Sichtachsen in das Gebäude zu bringen. Die seitlichen Rampen verschwanden, einige Decken wurden strategisch entfernt – es entstanden Innenhöfe, Lufträume und begrünte Zonen, die nicht nur für ein angenehmes Mikroklima sorgen, sondern auch Regenwasser aufnehmen und die Aufenthaltsqualität deutlich steigern.

Der Zwischenraum wird als Wintergarten genutzt und erweitert die Wohnungen nach außen. Zudem erhöht er als Schall- und Klimapuffer die Wohnqualität maßgeblich. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes
Der Zwischenraum wird als Wintergarten genutzt und erweitert die Wohnungen nach außen. Zudem erhöht er als Schall- und Klimapuffer die Wohnqualität maßgeblich. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Vom Parkhaus zum Zuhause mit Charakter

Aus dem einst monofunktionalen Parkhaus sind 63 individuelle Wohnungen geworden – zwei- bis fünf-Zimmer-Grundrisse, darunter auch Maisonettes. Fast alle Einheiten verfügen über großzügige Außenbereiche, von der Loggia über den Wintergarten bis zur Dachterrasse. Im Erdgeschoss bieten private Gärten einen zusätzlichen Rückzugsort.

Das Tragwerk aus der Nachkriegszeit wurde in vielen Wohnungen sichtbar belassen. Dieser bewusste Umgang mit dem Bestand erzeugt eine authentische Atmosphäre zwischen urbanem Industrieflair und wohnlicher Moderne.

Sowohl die gedämmte als auch die ungedämmte Ebene der Doppelfassade lassen sich flexibel von den Bewohner*innen öffnen. So kann das Raumklima selbst bestimmt werden. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes
Sowohl die gedämmte als auch die ungedämmte Ebene der Doppelfassade lassen sich flexibel von den Bewohner*innen öffnen. So kann das Raumklima selbst bestimmt werden. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Zweischichtig denken: Die Fassade als Raumgewinn

An der Straßenseite blieb die Originalfassade in ihrer ungedämmten Form erhalten. Dahinter verbirgt sich nun eine zweite, zurückversetzte Hülle mit wärmegedämmter Glas-Faltwand. Der so entstehende Zwischenraum dient als thermisch und akustisch wirksamer Puffer – ein multifunktionaler Wintergarten, der Licht bringt und als Erweiterung des Wohnraums funktioniert. Der rohe Sichtbeton wurde aufgehellt, Brüstungen modernisiert, und hinter der neuen Verkleidung verbirgt sich zeitgemäßer Holzleichtbau mit hinterlüfteter Holzwerkstoffoberfläche.

Die Glas-Faltwände aus Kiefernholz des Systems Woodline von Solarlux ermöglichen großzügige Übergänge und unterstützen das architektonische Konzept von Offenheit und Transparenz. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Holz in vielen Nuancen

Im gesamten Projekt ist Holz nicht nur Konstruktionsmaterial, sondern auch gestalterisches Element. Die Fassaden der Aufstockung bestehen aus Lärche, in den Loggien und Wintergärten dominiert Pappel. In den Innenräumen sorgen Eichenparkett und Kiefernholzfenster für Wärme und Ruhe. Tragende Elemente wie Wände und Dächer sind aus Fichte gefertigt – ein Materialmix, der trotz seiner Vielfalt ein harmonisches Gesamtbild ergibt.

Eine Glas-Faltwand besteht aus drei Elementen, die sich nach innen öffnen und je nach Einbausituation entweder nach links oder rechts zu einem schmalen Paket zusammenfalten lassen. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes
Eine Glas-Faltwand besteht aus drei Elementen, die sich nach innen öffnen und je nach Einbausituation entweder nach links oder rechts zu einem schmalen Paket zusammenfalten lassen. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Transparente Übergänge, leiser Innenraum

Ein Herzstück der neuen Wohnqualität sind die großflächigen Glas-Faltwände, verbaut in 18 Wintergärten. Claire de Fraguier, verantwortliche Architektin des Projekts, schätzte besonders deren Flexibilität: Die Flügel der Serie „Woodline“ von Solarlux lassen sich bündig zusammenfalten, öffnen ganze Fronten und ermöglichen damit fließende Übergänge zwischen Innen und Außen. Diese Offenheit entsprach laut de Fraguier exakt dem architektonischen Ziel. Gleichzeitig lobte sie die hervorragenden Schallschutzwerte der Elemente – ein entscheidender Vorteil angesichts der stark befahrenen Avenue Parmentier.

Die Serie „Woodline“ gehört zu den wenigen Holzfaltwänden am Markt, die sowohl hohe Dämmwerte als auch eine filigrane Ästhetik bieten – ein Detail, das die Balance zwischen Alt und Neu weiter unterstreicht.

Mit dem System Woodline gehört Solarlux zu den wenigen Herstellern, die Glasfaltwände aus Holz anbieten. Dank der schmalen Rahmen gelangt auch im geschlossenen Zustand viel Licht in die Wohnräume. Bildnachweis: Schnepp Renou + Atelier Tequi Architectes

Ein Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung

Mit diesem Projekt liefert Atelier Téqui Architectes ein Musterbeispiel für klimaschonendes Bauen im Bestand. Die Kombination aus Erhalt, Holzbau und intelligenter Fassadengestaltung schafft nicht nur hochwertigen Wohnraum, sondern auch einen Ort, der Geschichte erzählt. Der respektvolle Umgang mit der Substanz, das Spiel mit Licht und Raum sowie der gezielte Einsatz nachhaltiger Materialien machen diese Transformation zu einem Modellprojekt – nicht nur für Paris, sondern für die urbane Zukunft insgesamt.

Bautafel
Projekt: Sanierung und Aufstockung des ehemaligen Peugeot-Parkhauses von 1957
Raumprogramm: 63 Wohnungen, 1 Gewerbeeinheit
Adresse: Avenue Parmentier 58-60, Paris (11. Arrondissement)
Bauherr: Quadral Promotion | Batigère Habitat
Entwurf und Bauleitung: Atelier Téqui Architectes
Umweltmaßnahmen: Klimaplan der Stadt Paris | Biobasiertes Gebäude
Grundfläche: 4.707 m² gesamt. Sanierter Teil: 2.886 m², Aufstockung: 1.821 m²
Wohnfläche: 4.313 m²
Wettbewerb: 2018
Bauzeit: 36 Monate
Fertigstellung: 2025